Die 3-3-3-Formel
(der formale Impuls)
Vom Zickzack zur Welle
In einem Kreativjournal wie in NEUGEBÄREN kannst du Gefühle nicht nur in Worte übersetzen, sondern auch in Bilder, Formen und Farben. Wie immer geht es nicht um "schön", sondern ums Ausdrücken, ums Fragenstellen, ums Antwortenfinden.
Willst du was rausschreien? Schreib es in Form eines Megaphons. Willst du etwas fragen? Schreib es in Form eines Fragezeichens. Soll die Wut einen Platz bekommen? Schnelle dicke rote Linien helfen. Hat das, was du wolltest, während der Geburtshilfe oder im Wochenbett nicht genug Platz bekommen? Schreibe deine Gedanken in eng aneinanderliegenden Wörtern in aufs Papier.
Du kannst jedem Gefühl, das du mit Farbe und Ausdruck aufs Papier bringen willst, eine optische Entsprechung geben.
3x3 Bestandsaufnahmen
Die 3-3-3-Formel ist eine wunderbare Möglichkeit zur Bestandsaufnahme. Sieh dir in Ruhe das PDF an, das diesen Impuls begleitet. Im Video bekommst du einen kleinen Einblick in mein Journal. Ich habe für diese Seiten Acrylfarbe verwendet für den Blumendruck. Geschrieben habe ich mit Fineliner. Und weil mir am Schluss bei den Wellen und Zickzacks noch etwas gefehlt hat, bin ich - in derselben Farbpalette - noch mit ein wenig Aquarelloptik drüber. Und außerdem: viel Abendsonne inklusive.
(Wenn du auf das folgende Workbook-Arbeitsblatt klickst, kannst du es in einem eigenen Tab öffnen, lesen und für dein nach und nach entstehendes Workbook herunterladen.)
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Die Fragen lieben
Ein Käfer hat mir später noch die Antworten zu meinen 3 Fragen geflüstert. Ich habe ihn nicht verstanden. Und das ist o. k. Weil kennst du die Worte des Schriftstellers Rainer Maria Rilke, die er an einen jungen Kollegen schrieb?
(...) ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein."
Ich mag den Gedanken, dass es auch reichen kann, die Fragen zu lieben. Auf meine 3 Fragen wird es nie eine abschließende Antwort geben können, doch ich finde wunderbar, dass ich heute dort stehe, wo ich sie stelle, anstatt wo zu stehen, wo ich alles hinnehme.
Dein formaler Halt
Was soll das sein, denkst du dir? Ganz einfach: Als zweiten Impuls jeder Station bekommst du von mir eine literarische Form geliefert. Besonders nach schwierigen Erfahrungen kann das "formale" Schreiben eine Entlastung sein. Du bekommst die Möglichkeit, behutsam zu sortieren. Die Form gibt dir Halt und trägt dich durch den Schreibprozess. Du kannst dich an der Form festhalten. Du kannst sie aber auch sprengen, wenn dir danach ist.
Dieses Dich-festhalten-Können, wenn du noch keine (literarische) Schreib-Erfahrung hast, ganz nebenbei erweiterst du auch dein Kreativrepertoire. Und falls du ein alter Hase bist, ist es wieder mal eine gute Konzentrations- und Reduktionsübung, ein willkommenes Out-of-the-box.
Meine literarische Form ist zum Beispiel Prosa (in Kurz- und Langform), auch Dramatik (für Bühne & Radio), doch Gedichte, nein, Gedichte sind nichts für mich. Und dann habe ich auch schon einen Auftrag für ein Haiku angenommen.
Nicht nur, weil er gut bezahlt war, auch, weil ich es spannend fand, dieses Out-of-the-box. DAs Haiku ist das Kürzestgedicht, kommt aus Japan und wir kommen auch noch dazu, an einem anderen Mittwoch.
Heute lege ich dir ein Elfchen ans Herz. Ja, es ist so klein, wie es klingt. Es besteht aus 11 Wörtern. Die genau Beschreibung findest du unten und natürlich im Begleit-PDF. Dies ist Teil 2 unserer 3-3-3-Übung. Zum Erden und Ankern.
Mein Elfchen, dein Elfchen
Wie das Haiku ist auch das Elfchen ein Miniaturgedicht mit vorgegebener Form. Es besteht, wie der Name vermuten lässt, aus 11 Wörtern. Diese 11 Wörter sind auf 5 Verszeilen verteilt. Für jeden Vers gibt es eine Vorgabe (an die wir uns nicht ganz halten werden, außer du hast Lust drauf).
Das Elfchen wurde in den 1980ern in den Niederlanden erfunden. Ende der 1980er wurde es deutschen Pädagog*innen vorgestellt und trat seinen Siegeszug durch die Bildungslandschaft an. Es ist sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch in der Erwachsenenbildung sehr beliebt.
Zeile 1 - 1 Wort: Gedanke, Gegenstand, Geruch, Farbe o. Ä.
Zeile 2 - 2 Wörter: Was macht dieses Wort?
Zeile 3 - 3 Wörter: Wo oder wie ist dieses Wort?
Zeile 4 - 4 Wörter: Was denkst du über dieses Wort?
Zeile 5 - 1 Wort: Fazit
An das Fazit möchte ich mich in NEUGEBÄREN gerne halten, das kann einen schönen Erkenntnisprozess einläuten. Bei den anderen Zeilen kannst du auch vollkommen frei formulieren (siehe meine Beispiele im Foto, ich habe mich lediglich an Wortanzahl und Zeileneinteilung gehalten).
Am besten schreibst du dir Möglichkeiten eines Gedichts auf einem "Fresszettel" vor und versuchst und korrigierst und versuchst neu - und überträgst es, wenn du deine Schlussfassung (mit der du dich wohlfühlst, die aussagt, was du fühlst oder sagen oder fragen willst) erreicht hast, in dein Journal. Außer du möchtest den ganzen Arbeitsprozess und alle Fassungen nachvollziehen können.