Broschürenschatz für Assoziationsreisen

Womöglich hast auch du noch einen Stapel halb- oder ungelesener Broschüren aus der Zeit der Schwangerschaft und Geburt oder der ersten Babyzeit zu Hause? Ich tu mir seit Jahren schwer damit, sie zu "kübeln", haben sie doch eine so wichtige Phase repräsentiert. Und immer, wenn ich sie beim Aufräumen wieder mal in der Hand habe, der Gedanke: Wer weiß, vielleicht steht ja noch was drin, was ich unbedingt wissen muss? Ja, klar, bloß: Wann lesen?

Nun habe ich sie kurzerhand in zwei Mini-Impulse integriert, die auch für euch auf überraschendste Weise positiv, aufschlussreich und wichtig zum Verarbeiten sein könnten. Mit diesem leichtfüßigen Zugang kannst du lange Verschüttetes erinnern und Bilder, Wörter, Passagen in autobiografischer Weise ausformulieren.

Wenn dir dieser Impuls gefällt, du aber keine solche Broschüren mehr zu Hause hast, dann nimm bei der nächsten Kontrolle bei Gynäkolog:innen oder Kinderärzt:innen gern welche mit. Aber jetzt zum Broschürenschatz.

1. Auf dich wirken lassen

Nimm eine Broschüre zur Hand. Blättere darin, langsam, Seite für Seite. Lass alles auf dich wirken, die Bilder, die Überschriften, die restlichen Texte. Schneide aus, was etwas in dir zum Schwingen bringt. Sammle alles in einer (windgeschützten) Box, falls du es nicht an einem Tag "verarbeitest". Es geht nicht darum, dass du die Texte darin jetzt liest, es geht darum, was dir ins Auge springt und etwas in dir ins Rollen bringt.

Falls du vorhast, Schnipselpoesie zu machen (also Gedichte sämtlich aus Ausgeschnittenem zu machen, dann leg dir die Restblätter zur Seite, vielleicht brauchst du noch ein "und" oder ein "oder" usw. usf. 

2. Zu dir sprechen lassen

Welche Illustrationen rufen starke Assoziationen in dir wach? Du kannst die Bilder ausschneiden und in dein Journal einkleben. Vielleicht hast du Lust, die Seiten vorher mit einem Hintergrund zu gestalten? Die Assoziationen, Geschichten, Anekdoten, Gedanken, Fragen, die sich dabei auftun, kannst du dir daneben notieren. Und sie archivieren. Oder um später auf Antworten zu kommen. 

Auf meinen Seiten im Bild geht es um meine dreimonatige Stillreise mit meinem ersten Kind. Und damit meine ich nicht, dass wir drei Monate stillten, sondern dass wir drei Monate brauchten, bis wir miteinander stillen konnten. Bis dahin gab es die Flasche (oh ja), das Brusternährungsset (na ja) und: pumpen, pumpen, pumpen. Auf diesen Seiten durfte ich die damalige gefühlsintensive Zeit mit Sicherheitsabstand wieder erleben. Und so, als Zaungast aus der Zukunft und mit dem heutigen Wissen und Abstand, konnte ich alles viel genauer überblicken.

3. Den Worten lauschen

In einer solchen Broschüre tut sich ein wahrer Sog auf. Plötzlich ploppen von überall her Wörter auf, die in der Zeit der Mamawerdung oder weiteren Schwangerschaft im neuen Sprachgebrauch ihren alltäglichen Platz fanden, die schöne, aber auch schwierige Gefühle auslösen können. Wörter, die vielleicht heute, nach der Geburt, nach der Babyzeit, still und heimlich wieder in den Hintergrund getreten sind - oft ungelöst.

Schneide Wörter aus, die Gefühle bei dir auslösen. Schau gut auf dich, wenn es schwierige Gefühle sind. Du kannst ja die Wörter nach "angenehmen" und "unangenehmen" Gefühlen sortieren und dich den unangenehmen widmen, wenn du dich stark genug dafür fühlst. 

4. Schreiben, montieren, (ver-)dichten

Du kannst sämtliche Wörter auch in Montagetechnik für Gestaltung einzelner Seiten oder Flächen neben folgenden Schreibübungen heranziehen. Du kannst aber auch gezielt ein paar Wörter hernehmen und Anekdoten dazuschreiben. Denn dieses Journal wird womöglich auch unabhängig zu den Schreibübungen in dir weiterwirken. Du kannst Schnipselpoesie gestalten, also ein gesamtes Gedicht aus ausgeschnittenen Wörtern kreieren. Du wirst staunen, wie viel Gefühl, Erinnerung oder auch Neubeantwortung sich bei dieser Übung auftut.

Beispiel: "Ich sehe schon den Kopf"

aus einem protokollierten Geburtsbericht in einer Hebammenzeitschrift. Diese Wortgruppe hat mich sofort angesprochen und ich hatte folgende Assoziation zu meiner ersten Geburt:

Ich sehe schon den Kopf
hat die Hebamme gesagt
und: Willst du ihn angreifen?
Heute kann ich mir
nicht verzeihen, dass
ich es nicht tat und dein Kopf
von jemand anderem als mir
als Erstes berührt wurde.
Und doch: geht es im Leben 
doch immer ums Verzeihen.

Was nicht ausgemustert gehört

Viele Broschüren oder Magazine sind mit hübschen Mustern illustriert. Hier (und am Foto oben) ist ein Beispiel, wie du solche, die dir recht gefallen, in dein Journal integrieren kannst. In einem Flyer eines Museums habe ich diese stempelähnlichen Muster entdeckt und fand sie zu schön, um sie einfach ins Altpapier gehen zu lassen.

Wenn du so etwas entdeckst, schneid es dir einfach aus und platziere es in deinem Journal als "Augenweide". Du kannst auf der restlichen Fläche eigene Ideen niederschreiben oder Impulse aus NEUGEBÄREN. Du kannst - so wie ich hier - die Muster auch aufgreifen und selber weiterillustrieren. Solche Seiten sind immer wieder eine Freude. Und so einfach zu gestalten ...